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Die Weihnachtsgeschichte
Aus "Von Weihnachten bis Pfingsten", Reden auf Schloss Mainberg von Johannes
Müller, E. H. Beck`sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, München 1914
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass
alle Welt geschätzt würde, und jedermann ging, dass er sich einschätzen ließe,
ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auch Joseph auf aus Galiläa aus der
Stadt Nazareth in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem,
darum, dass er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich
schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe. Die war schwanger. Und da sie
daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren
ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe. Denn sie
hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es warenUnd es waren Hirten in dieser Gegend auf dem Felde bei den Hürden. Die hüteten
des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die
Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und er Engel
sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch große Freude,
die allem Volke widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen:
Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Und
alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten
Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und an den
Menschen ein Wohlgefallen!
Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten zueinander:
Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen
ist, die uns der Herr kund getan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide,
Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegend. Luk. 2, 1-16
Das ist die alte, uns allen vertraute Weihnachtsgeschichte, die doch immer neu
und jung bleibt. Durch die Jahrhunderte hindurch ist sie immer wieder vor
gläubigen Menschen lebendig geworden, und ich glaube, daran ändert auch unsre
Zeit nichts. Ich glaube, Weihnachten wird diesmal ebenso wie immer gefeiert
werden, obgleich man in den letzten Jahren dies Existenz des Mannes bestritten
hat, dessen Geburt hier erzählt wird. Und es wird auch weiter gefeiert werden,
und, was noch viel mehr wert ist, die Lebensquellen und Segensströme werden auch
weiter ausgehen von dem Kind in der Krippe.
Wie sich die Menschen dazu stellen, das entscheidet dann darüber, was sie von
diesen Lebensfluten und Segensströmen haben werden. Es gibt ja sehr vernünftige
Menschen, die sagen: Warum ein Weihnachtsfest feiern? Wir können ja alles dessen
an jedem Tage gedenken. Gewiss können wir das. Es ist nur die Frage, ob wir es
tun. Wir sind so angespannt vom Leben, oder sollten es wenigstens sein, dass wir
keine Erinnerungen pflegen können. Darum brauchen wir Tage der Erinnerung als
Einschnitte in dem rhythmischen Gang unseres Lebens. Es gibt auch blasierte
Menschen, die sagen: Was soll uns diese Geschichte noch, da wir sie ja für eine
Legende halten? Aber das ist doch eine große Oberflächlichkeit. Die Geschichte,
die uns hier erzählt wird, hat ungeheure Hintergründe, und wer nur an der
Oberfläche des äußeren Geschehens bleibt, der versteht sie gerade nicht.
Es ist freilich ziemlich unwesentlich, ob sich der Vorgang der Geburt Jesu so
vollzogen hat, wie er hier erzählt wird, oder ob es anders war, weil die
Geschichte etwas Unerhörtes und Unfassbares zum Ausdruck zu bringen sucht. Das
tut sie in einer Weise, wie es den Menschen der damaligen Zeit natürlich war.
Man stand damals unter dem tiefen Eindruck eines gewaltigen Ausbruchs von
unerhörtem göttlichen Geschehen, und dieses neue Werden ging quellend von einer
Persönlichkeit aus. Das war Jesus, der nicht nur seinen Zeitgenossen als ein
Neuanfang in der Geschichte der Menschheit erschien, sondern uns erst recht.
Dieses Erlebnis kam in der Geschichte von der Geburt Jesu von der Jungfrau zum
Ausdruck. Und ebenso wie wir an die Schöpfung des Menschen glauben, und uns eine
Schöpfung des Menschen als Menschen zweifellos ist, auch wenn wir fest davon
überzeugt sind, dass unser erster Ahne nur ein letztes Glied in der ungeheuren
Kette der Entwicklung war, die von dem ersten Lebewesen ausging, ebenso glauben
wir an die Geburt von der Jungfrau, auch wenn wir überzeugt sind, dass Jesus wie
alle anderen Kinder geboren wurde. Denn die Geburt von der Jungfrau will uns das
Unfassbare der Geburt des Göttlichen in Jesus, den Uranbruch des Wesens, das
nicht von dieser Welt ist, in der Menschheit nur fasslich vor Augen stellen. Man
weiß nicht, wie das möglich war und gekommen ist, genau so wenig, wie man weiß,
auf welche Weise es geschah, dass einmal im Menschen der göttliche Funke als
Menschenbewusstsein aufblitzte, das ihn sofort abrundtief von seinen tierischen
Vorahnen unterschied. Hier wie dort ist doch das ungeheure Wunder nicht das
sinnliche, sondern das seelische Geschehen.
So ist aber überhaupt das, was die Geschichte Jesu uns wert macht, nicht das
sinnliche, endliche, vergängliche Geschehen, von dem sie Kunde gibt, von seiner
Geburt an bis zum Tod am Kreuz und der Auferstehung, sondern das seelische
Geschehen, das sich darin Bahn bricht in die menschlichen, endlichen
Verhältnisse hinein. Das bleibt bestehen, auch wenn uns der äußerliche Verlauf
noch so zweifelhaft werden sollte, und es ist nicht genug zu begrüßen, dass uns
die Kritik, so fragwürdig sie selbst in ihren Ergebnissen bleibt, mehr und mehr
die äußerliche, sinnliche Betrachtungsweise zerschlägt und das Beharren darin
unmöglich macht, weil sie uns auf diese Weise aus dem Aberglauben heraustreibt.
Was war das für ein kleinlicher Standpunkt, als die Menschheit vor einem Mirakel
staunte, gegenüber dem, was uns heute aufgeht, dass die Erscheinung Jesu in der
Welt die große seelische Sonnenwende vom sinnlichen zum seelischen Leben, aus
Chaos und Nacht vergänglicher Eitelkeit zum Schöpfungstag göttlicher Wesenheit
im menschlichen Geschlecht bedeutet, den einzigartigen Umschwung, der noch in
die Jahrtausende hinein seine Wirkung entfalten wird bis zum Ende aller Zeiten,
und der dadurch nicht geringer wird, dass er durch Jahrhunderte hindurch gehemmt
war und nicht zur Geltung und vollen Wirkung kommen konnte! Das ist das
Ungeheure, das wir zu Weihnachten feiern, und das Weihnachten immer wieder zu
etwas ganz Neuem machen kann, wenn es für Menschen, die seelischen Spürsinn
haben, zu einer Sonnenwende wird vom Verwesen zum Leben, vom Vergehen und
Verlöschen in den vergänglichen Eitelkeiten der Sinnlichkeit zum Aufgehen und
Sichentfalten ihres unsichtbaren Wesens im Reiche Gottes.
Was Jesus beWas Jesus bedeutet, ist die schöpferische Entfaltung des Seelischen in den
endlichen Organismen der Menschen, der Neuanbruch eines Werdens aus den letzten
Tiefen alles Seins. Das ist ja schließlich aus das, was der Sinn des himmlischen
Lobgesangs ist: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter Menschen
des Wohlgefallens. Das ist nämlich sehr dualistisch ausgedrückt, aber wir
brauchen ja nicht bei diesem Ausdruck zu verweilen, sondern können es anders
aussprechen. Wir drücken damit nur dasselbe Geschehen aus. Die göttliche
Herrlichkeit – denn das ist ja die direkte Übersetzung des griechischen Wortes,
das Luther mit Ehre Gottes übersetzte - die göttliche Herrlichkeit in der Höhe,
wofür wir heute, dasselbe ausdrückend, in der Tiefe sagen würden, in der Tiefe
alles Seins quillt empor und schafft Frieden, d. h. die harmonische Verfassung,
in Menschen des göttlichen Wohlgefallens. Wohlgefallen ist der biblische
Ausdruck für die göttliche Bestimmung, die allem zugrunde liegt, deren
schöpferisches Drängen wir im geschichtlichen Geschehen wahrnehmen. So ist der
Lobgesang der Engel der genaue, einfache Ausdruck dessen, was wir an Jesus
haben, und was wir heute in ganz anderen Dimensionen fassen, als es die damalige
Zeit fassen konnte, weil unsre Augen geweitet sind. Denn wir haben einen anderen
Horizont in die Weite sowohl wie in die Tiefe.
Was man vor zwei Jahrtausenden mit diesem Lobgesang und dieser Geschichte sang
und sagte, ist unser Erlebnis der Weihnacht, sobald diese Sonnenwende in uns
wirklich eintritt, sobald aus dem Unbewussten und Unbekannten in uns Kräfte und
Klarheiten auftauchen, die eine ganz neue Verfassung von selbst in uns entstehen
lassen, die sich als die Verwirklichung der tiefen menschlichen Bestimmung
offenbart. Das Problem des Menschen ist nur zu lösen durch die schöpferische
Entfaltung dessen, was in uns an ewigem Samen verborgen liegt. Ohne dass der
göttliche Keim der Seele mit seiner ungeheuren treibenden und bildenden Kraft
unter Offenbarung der in ihm liegenden Gesetze sich in uns entfaltet, werden wir
immer die chaotischen, untermenschlichen Existenzen bleiben, die wir zunächst
sind. Grundanders kann es nur werden durch eine Schöpfung, die wir in uns
erleben, durch ein neues Werden, das uns die Verfassung unseres persönlichen
Wesens auf dem Daseinsgrund hervorbringt, auf den wir gehören, das eine neue Art
Leben auf allen Gebieten unseres Verhaltens hervorruft und eine neue
Wirklichkeit in allen unseren Verhältnissen und Beziehungen schafft, überall die
Wahrheit erzeugend, die Eintracht herstellend,
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ans Licht bringend. In dem Maße, als Wahrheit in uns wird, lassen wir sie zutage
treten durch unser Verhalten. Wenn Leben aus dem unerschöpflichen Born unseres
ewigen Wesens quillt, vermögen wir belebend zu wirken und alles mit Leben zu
erfüllen. Nachdem wir einige geworden sind in uns selbst gegenüber der
vergangenen Zerrissenheit in uns selbst, werden wir einig werden mit den anderen
Menschen. Die kleinen Organismen gliedern sich ein mit der Fülle anderer
lebendiger Organismen zu dem großen Organismus der neuen werdenden Menschheit.
So können sich die Schöpfungstendenzen verwirklichen, die in der
Menschenexistenz verborgen liegen, und so löst sch auch das Problem unseres
eigenen Lebens. Daraufhin ist jedes Weihnachten, das wir feiern, eine
Verheißung.
Ich möchte fast sagen, jIch möchte fast sagen, jedes Weihnachten, das nicht oberflächlich gefeiert wird,
ist ein Aufzucken des Wesens, das in uns werden soll. Sehen Sie, die ganze
Weihnachtsfeier mit dem Christbaum, mit den Geschenken nach allen Seiten, mit
der Festfreude unter den Menschen ist doch eigentlich etwas furchtbar
Unsinniges, Vergängliches, Eitles. Was hat das für Sinn und Wert? Man plagt sich
wochenlang ab, und dann ist mit einer Stunde alles vorbei. die feierliche,
gehobene, strahlende Stimmung wird sofort wieder vom grauen Alltag verschlungen.
An sich ist die Weihnachtsfeier ganz sinnlos, wenn sie weiter nichts ist. Aber
wenn nun dieses Weihnachten, dessen Oberfläche ich schilderte, der Ausbruch
einer seelischen Springflut ist, die in den Menschen empor schäumt, wenn es der
unbeholfene, geschäftige, sich vielfach vergreifende, stammelnde Ausdruck eines
Liebesquells ist, der sich einfach äußern muss, der jeden, der einem nahe kommt,
ergreifen und ihm sich durch irgendwelche Gaben kundgeben muss, - man kann ja
nicht alle Menschen umarmen, mit denen man zu tun hat, aber man kann ihnen etwas
geben, woran sie die Liebe erkennen können, was ihnen von Wert sein könnte, da
man den ewigen Wert der Liebe nicht anders handgreiflich machen kann, weil er
sich als etwas Seelisches nicht sinnlich ausdrücken lässt - wenn so unser
Weihnachtstreiben eine Äußerung unserer Seele ist, die sich ausbreiten muss, die
alle egoistischen Schranken zersprengt und in diesem Augenblick wenigstens
einmal nur an die anderen denkt und nur für sie lebt, wenn es der Drang ist,
sich wirklich ganz den anderen hinzugeben, um für sie zu leben: dann hat die
Weihnachtsfeier sinn, dann hat der Christbaum Sinn, dann haben die Geschenke
Sinn, ob sie Ernstes oder Heiteres bieten, ob sie Lebensmittel oder
Lebensgeschmeide darreichen; sie haben tiefen Sinn und ewigen Gehalt, weil sie
endliche Ausdrücke ewiger Lebensbewegungen sind, die einmal durchbrechen und die
anderen Menschen überfluten wollen.
Das ist Weihnachten, wenn es echt ist, und ich glaube, Gott sieht mehr echtes
Weihnachten hinter all dem Weihnachtstreiben, als wir für möglich halten, ja
auch mehr, als die ahnen, die von diesem Liebesdrang gepackt werden, ohne zu
wissen, woher er kommt und wo hinaus er möchte.atürlich soll es nicht bei einer alle Jahre wiederkehrenden Springflut
seelischer Äußerung bleiben, sondern das soll nun Tag für Tag so weiter gehen,
und dazu will uns Weihnachten Mut machen. Wer das einmal erlebt hat, der gewinnt
Geschmack daran, sich den Menschen immer so zu geben, immer so überzuströmen aus
den Tiefen seines Wesens. Dann werden nicht nur zu Weihnachten, sondern alle
Tage des Jahres Ströme lebendigen Wassers von ihm ausgehen und das
Menschengebiet, das ihn umgibt, befruchten und beleben. Dann kann es wirklich
wie nach der Sonnenwende gehen: Tag für Tag wird das Licht heller und die Wärme
mächtiger, strahlender, eindringender. Wenn das so werden würde, dann würden wir
auch erleben, dass diese schöpferische Entfaltung der Seele in hingegebener
Liebe wirklich die Erfüllung menschlichen Seins ist, und dass diese Erfüllung
uns aus dem Elend unseres persönlichen Chaos erlöst, in dem wir bis über die
Ohren drinstecken, aus unserer Daseinsnot und dem Jammer der Menschheit
überhaupt.
Darum möchte ich Sie heute gern herauslocken aus sich selbst, dass Sie nicht mit
Weihnachten abschließen, wenn die Festtage vorüber sind, sondern dass Sie dann
erst recht anfangen, Weihnachten zu leben. Gehen Sie doch einmal heraus aus sich
selbst, denken Sie einmal gar nicht mehr an sich, sondern vergessen Sie sich!
Suchen Sie doch einmal Anschluss an dieses große Geschehen zu gewinnen, das
durch die ganze Welt geht, an das seelische Zittern und Beben, das sich in der
Menschheit regt und, wenn zu irgendeiner Zeit, in unserer Zeit stark pulsiert!
Interessieren Sie sich dafür, spüren Sie diesen verborgenen Schöpfungswehen in
den Menschen nach, mit denen Sie zusammenkommen. Und wenn dann unter diesem
Verspüren Ihrer Seele etwas entspringt und durchsickert von einem unbekannten
Rühren, von einer quellenden Freudigkeit, so geben Sie dem doch Raum und leben
Sie für die anderen und nicht für sich. Man kann nicht an dem göttlichen
Geschehen und dem wahren Leben teilhaben, wenn man für sich lebt. Wir müssen
heraus aus uns selbst und frei werden von uns selbst, dann erst quillt unser
eigentliches Leben, das wir solange nicht kennen, als wir nur für uns selbst
leben.
Ich wünschte, ich könnte Ihnen die Herrlichkeit schildern, die darin liegt, aber
dann kann man ja nicht. Das ist ja das Große, was die Menschen auszeichnet. Das
Tier lebt nur in sich und für sich, aber wir Menschen haben die seelische und
geistige Fähigkeit, dass wir mit dem Weltall leben können. Warum bleiben Sie
denn in dem kleinen Horizont Ihres Ichs und leiden unter dieser Beschränktheit,
Befangenheit, Kleinlichkeit, Dumpfheit, Sinnlosigkeit? Warum strecken Sie nicht
die Fühlfäden Ihrer Seele aus und durchdringen das ganze Weltall und nehmen
selbst teil an dem kosmischen Geschehen? Die kleinen Nöte des eigenen Daseins
und Ichs hören dann mit einem Mal auf, und die Größe, der Adel, die Herrlichkeit
des Menschen, die keimhaft in ihm ruht, beginnt sich zu entfalten. Aber wie soll
sie aufleben, wenn Sie sie niederhalten? Versuchen Sie doch einmal, aus sich
herauszugehen, dann werden Sie sehen, wie Ihre Kümmernisse sich lösen, wie Ihre
Brust sich weitet, wie Ihre Seele aufatmet, während Sie so an Ihrer
Engbrüstigkeit zugrunde gehen. Sie werden merken, wie Ihr Auge hell wird, und
alles wie eine neue Welt ausschaut, wie von jedem Geschehen und von allem, was
Ihnen nahe tritt, Klarheiten in Ihnen aufleuchten und Lebenskräfte quellen, wie
in Ihnen ein neues Werden beginnt, und Ihr Leben sich aus dem bisherigen
sinnlosen Geschiebe und Getriebe wie eine tiefsinnige Schöpfung entwickelt und
alles erfüllt, was an Anlagen und Bestimmungen in Ihnen ruht. Aber solange Sie
in sich aufgehen und für sich leben, sind Sie egoistisch verkrustet und
subjektiv getrübt und sehen nicht einmal das Nächste, sondern immer nur sich
selbst, und erleben nur Ihre Gefühle, die alles, was Sie berührt, Ihnen
verursacht. So gehen Sie an sich selbst verloren, und Ihr Leben muss scheitern.
Diese armen verfehlten Existenzen, die sich umbringen mit ihrer Drehe um sich
selbst!
Was ist denn das Eigentümliche, das Jesu bringen wollte, was ist das Wesen
dieses seelischen Geschehens und Lebens? Das ist es, dass das Hintersinnliche in
uns in unmittelbare Fühlung tritt und dem Hintersinnlichen, das in allen
Erscheinungen und Vorgängen, in allen Menschen, in jedem Ereignis des Lebens, in
jedem Anspruch des Tages verborgen ist. Wenn dieser Kontakt lebendig wird und
aus ihm heraus gelebt wird, dann beginnt sich unser eigentliches Wesen zu
entfalten, zu offenbaren und sich schöpferisch auszuwirken, dann geht überhaupt
erst das Leben los, und zwar ein Leben, das treibende und gestaltende Kraft in
sich birgt. Dann wird unser persönliches Leben ein fortwährendes Einatmen
dessen, was dahinter liegt, und ein Ausatmen dessen, was in uns dahinter liegt.
Und durch dieses Einatmen und Ausatmen des Übersinnlichen beginnt der Pulsschlag
des wahrhaften Lebens, und sein Blutumlauf durchströmt unser ganzes Dasein.
Man hat gesagt, Chaos sei ExisMan hat gesagt, Chaos sei Existenz ohne Rhythmus. "Im Anfang war der Rhythmus."
Sobald Rhythmus in das Chaos hereinkam, ward Schöpfung. Genau so ist es mit dem
Chaos in uns selbst. Wir müssen den Rhythmus des wahrhaften Lebens gewinnen, der
aus dem lebendigen Kontakt zwischen unserer Seele und dem Göttlichen, das
überall dahinter liegt, entsteht. Dann werden Sie einmal sehen, wie es in Ihnen
zu leben beginnt, was dann aus Ihnen wird, von selbst wird. Dann beginnt die
Schöpfung, und die schreitet weiter fort, weil alles, was in Ihnen lebendig
wird, plastische Kraft in sich trägt. Das ist ein ganz anderes Dasein, als das
innere und äußere Geschiebe und Getriebe, das man gewöhnlich Leben nennt.
Dieses andere Dasein wollen wir haben, wir wollen Weihnachten erleben. Und unser
Wunsch und unsere Zuversicht ist, dass Mainberg eine Weihnachtsstätte werden
wird. Nicht in sonderlicherer Weise als andere Orte. Wir sehnen uns nur danach,
dass auch hier der wiederkommende Christus geboren wird. Der wiederkommende
Christus ist das Aufleben des Seelischen, das heute vom Osten bis zum Westen im
innersten Empfinden sehnsüchtiger Menschen aufleuchtet. Aber es darf nicht bei
dem Aufleuchten bleiben. Die Menschen müssen von der Wahrheit, die sich heute
offenbart, befruchtet werden, dass sie in ihnen und durch sie ins Leben tritt.enn ich sage, Mainberg soll eine Weihnachtsstätte werden. Was
heute aufleuchtet wie ein Frührot einer ganz neuen Zeit und in Menschen lebendig
wird, dieses neue Wesen und diese geniale Art Leben soll von hier hinausgetragen
werden, um überall das verborgene seelische Wesen zu wecken und sein Leben zu
entzünden, und soll draußen überall in Fühlung treten mit dem gleichartigen
Leben, das wer weiß an wie viel tausend Orten heutzutage auch anfängt zu
sprießen. Das ist ja der Unterschied zwischen heute und der Zeit Jesu: Was
damals in einem Menschen kam, kommt heute allgemein in der Menschheit. Deshalb
geht in unserer Zeit Weihnachtsfreude durch die Welt, und diese Weihnachtsfreude
kann durch nichts gedämpft werden, was man an den historischen Überlieferungen
von Jesus auszusetzen hat. Das ist ja ganz belanglos. Das in dem damaligen
Geschehen Verborgene und in allen damaligen Äußerungen sich kundgebende
Unsagbare ist das Wesentliche. Das Vergängliche geben wir gern preis, aber das
Unvergängliche, das wollen wir haben, denn wir wollen wahrhaftigen Sinn, ewigen
Gehalt, himmlische Harmonie und göttliche Kraft in unserem Wesen und in unserem
Leben sich offenbaren sehen.
Das ist das Weihnachtslicht, das ich Ihnen heute erstrahlen lassen wollte.
Dieses Lichtes wollen wir uns freuen, und wenn wir wieder auseinandergehen,
wollen wir in diesem Lichte weiter wandern.
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