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Aus den Grünen Blättern, 43. Band, 4. Heft 1941
Johannes Müller
Die Weihnachtsgeschichte
"Ich wünsche Schloss Elmau ein höheres Niveau seiner Gäste", hat neulich einer
beim Abschied gesagt. Leider nicht zu mir. Ich hätte ihm geantwortet: Ich
wünsche mir tiefere Gäste, Menschen, die Tiefe haben, die aus der Tiefe leben
und deren Leben Tiefgang hat. Am meisten leidet nämlich Schloss Elmau unter den
oberflächlichen Gästen, die nichts ernst und gründlich nehmen, sich nur
unterhalten oder gar zerstreuen wollen, die vom Geltungstrieb gepeinigt werden
oder hier nicht zur Ruhe kommen, weil sie immer fürchten, sie könnten etwas
verpassen; die herumtändeln und scharwenzeln, um zu gefallen, schnell fertig mit
ihrem Urteil über alles sind, was sie nicht kennen und verstehen, sich den
Anschein geben, als ob sie etwas wären, um ihre Unwesentlichkeit und innere
Leere zu verbergen, sich in Aufmachung zu spreizen, um etwas vorzustellen, was
sie nicht sind! Es leidet unter Prahlhänseln und Schmetterlingen, die
herumgaukeln, oder angenehme Schwerenöter affektieren, weil sie es vor
Katzenjammer mit sich selbst nicht aushalten; die keine Lebensfreude kennen,
sondern nur Lustigkeit und kitzlige Sachen lieben; die keinen Humor haben, aber
um so mehr Witze erzählen; die eitlen Schmecker, die ihre Schönheit vor sich
hertragen oder wie ein Pfau Rad schlagen, die mit dem Leben nur flirten, aber
sich nicht mit ihm vermählen können. Sie sind nicht zahlreich in Elmau, aber
können gesellschaftlich ein hohes Niveau haben.
Ich selbst bin heiter und voller Lebenslust, Humor und Übermut, aber meine
Lebensfreude ruht auf dem tiefen Ernst, der mit der Tragik des Menschenloses
vertraut ist, weil er sie erlebt und erkannt hat und an die Wendung desselben
glaubt. Aber ich nehme nichts tragisch, weil alles, was man tragisch nimmt,
nicht tragisch ist; habe einen leichten Sinn und nehme das Leben nicht schwer,
sondern leicht. Deshalb werde ich auch leicht damit fertig, weil ich mir nicht
im Wege stehe, sondern sachlich lebe und stets mit ganzer Seele tue, was
vorliegt, und vergesse, was hinter mir liegt. Aber ob ich Niveau habe, weiß ich
nicht. Jedenfalls habe ich kein entsprechendes Selbstgefühl wie so viele, weil
ich für mich nichts weiter bin als ein einfacher Mensch und von mir aus nichts
kann und weiß, sondern nur von dem lebe, was mir gegeben wird, und nur das
vermag, was durch mich gewirkt wird. Deshalb habe ich von Jugend an bis ins
Alter meine Unscheinbarkeit geliebt und gesucht und bin nur in der
Öffentlichkeit hervorgetreten, wenn ich Vorträge zu halten hatte, aber danach
sofort wieder verschwunden. Dort habe ich kein Niveau, sondern erfreue mich
einer wohltuenden Nichtbeachtung. Aber ich habe das große Glück, unzählige
Menschen zu lieben: Alle, mit denen ich lebe, von den Kindern der Elmau bis zu
meinen Mitarbeitern und allen Gästen, die mir "Nächste" werden, wenn sie mich
brauchen, und noch viel mehr, geliebt zu werden von denen, die von mir Kraft und
Klarheit des Lebens empfangen haben, oft genug, ohne dass ich etwas davon ahne.
Was ist denn überhaupt Niveau? Das Wort bedeutet: waagerechte Fläche, gleiche
Höhe, Stand und Rang. Aber es besagt nichts über den Grad und das Wesen der
Höhe, des Standes und des Ranges. Auch das Ansehen, das jemand genießt, die
Einschätzung bei den Leuten, sagt nichts, als wie einer scheint, d. h. den
anderen Menschen erscheint, und wie er von ihnen beurteilt wird. Doch wir wissen
alle: Der Schein trügt, und ein Urteil trifft viel mehr den, der urteilt, als
den, der beurteilt wird. Blicken wir auf die Allgemeinheit, so haben offenbar
die Filmstars sehr hohes Niveau, und die schwerreichen Leute stehen überall hoch
im Rang. Aber dieses Niveau meinte der Schlossgast jedenfalls nicht. Dafür ist
das Schloss ja nicht gebaut. Die Reichen sind so gut wie ausgeschlossen, die
wollen immer Zimmer mit Bad, und wir haben nur drei solche.
Der am meisten vertretene Stand in Elmau sind die Ärzte, dann folgen Künstler,
Professoren der Hochschulen, hohe und mittlere Verwaltungsbeamte und Amtswalter
der Partei, Offiziere der Wehrmacht, Pfarrer und Lehrer, Industrielle und
Gutsbesitzer, mehr solche großer als kleiner Güter, Beamte, Gewerbetreibende und
alle möglichen sonstigen Berufe. Es ist schwer, da von einem Unterschied der
Stände zu sprechen und eine Rangordnung aufzustellen, weil man meistens gar
nicht erfährt, was die Leute beruflich sind. Beliebt ist ja die Unterscheidung
zwischen "akademisch Gebildeten" und solchen, die keine Hochschule besucht
haben. Aber da ja allmählich für alles höhere Schulen entstehen und Diplome
angefertigt werden, verschicht sich auch hier der Unterschied.
Doch der Leser wird ungeduldig einwerfen: Der Gast wollte einfach nur sagen, er
wünsche der Elmau nur gebildete Menschen als Gäste. Damit wäre ich gern
einverstanden, wenn es solche gäbe. Ich habe schon öfter ausgesprochen: Es gibt
nur sehr selten Menschen von Kultur, die das reine Gebilde ihrer Selbst
darstellen. Es gibt Gelehrte und Forscher, Könner und Vollmächtige auf allen
Gebieten der Fähigkeiten und Leistungen, aber wenige, denen das
"Werden-was-sie-sind" gelungen ist, ja sogar wenige, die auch nur danach
trachteten. Und Könner in der Lebensführung, Erfüller ihrer Bestimmung,
Vollbringer ihres Lebenswerkes, die den Sinn ihres Daseins verwirklichen, trifft
man selten.
Die meisten sind im Wesen und Vermögen ungebildet, verbildet oder eingebildet
und dadurch verdorben und entartet. Jedenfalls ist "der Gebildete" kein Rang
mehr, seit Nietzsche ihn als Bildungsphilister entlarvte und als Barbaren
charakterisierte. Diese Spießer und Banausen, die sich, von unverdautem Wissen,
Phrasen und Schlagworten geschwollen, ebenso dünkelhaft wie ehrfurchtslos auf
der Höhe der Zivilisation fühlen und überzeugt sind von sich selbst, stehen in
ihrer Geistlosigkeit und Gleichgültigkeit, Anmaßung und Beschränktheit im Rang
tief unter allen einfachen, natürlichen und bescheidenen Menschen, wie wir sie
noch überall, zumal unter Bauern und Arbeitern finden, die nichts aus sich
machen und nicht das für das einzig Wahre halten, was sie sich denken oder
anderen nachsprechen. Die beschränkten, naiven oder fanatischen "Vertreter" von
Weltanschauungen, höheren Interessen, Liebhabereien und gesellschaftlichen
Betriebmacher sind in Elmau fehl am Platze, auch wenn sie sich "Bekenner" nennen
und für irgend etwas Propaganda machen oder zur eigenen Befriedigung ihren Vogel
vor anderen fliegen lassen.
Aber ebenso unerwünschte Gäste sind die Zeitgenossen, die lediglich des guten
und reichlichen Essens und der preiswerten Weine wegen nach Elmau kommen oder
ohne Unkosten in dem zwanglosen Verkehr ihrem erbärmlichen Behagen frönen
möchten und alles, was sie dazu brauchen können, auf ihr Niveau herabziehen, die
sich um die Art und die guten Sitten des Hauses nicht kümmern, sondern sich laut
und rücksichtslos in ihrer Unart auslassen und diese für Natürlichkeit halten.
Die merken wohl bald, wie man sie verwünscht, aber sie sind Dickhäuter, denen
das nichts ausmacht, ja ihre Anmaßung wird nur gesteigert, so dass sie trotzdem
wiederkommen. Die meisten allerdings scheiden auf Nimmerwiedersehen oder
erfahren bei ihrer nächsten Anfrage, dass sie unerwünscht sind.
Wer ist nun in Elmau willkommen? Jedenfalls nicht jeder, der es zahlen kann,
sondern nur, wer die Höhenlage und die Bestimmung dieses Menschenheimes
verträgt, wer die Reife und Befähigung dafür hat und hier einmal nur Mensch
unter Menschen sein möchte und das „anders als sonst überall“ spürt. Die
Menschlichkeit, nicht die Geistigkeit, nicht die Gesellschaftsfähigkeit,
Leistungsfähigkeit, Vermögen und Name entscheiden. Wir lieben die Einfachheit,
Natürlichkeit, den unbefangenen Sinn und die Unmittelbarkeit des Herzens, die
eindrucksfähigen und empfänglichen Menschen, die nicht von ihren Vorstellungen,
Urteilen und Grundsätzen verblendet sind, sondern offen und bereit,
vorurteilsfrei und wohlwollend auf alles eingehen, was sie hier finden und
erfahren, die des Menschen bestes Teil, das Staunen, noch nicht verlernt haben
und die Ehrfurcht vor dem Geheimnis kennen, das der Lebensquell in allem ist.
Die Elmau ist ein Paradies, wo man werden kann wie die Kinder. Darum sind uns
die am liebsten, in denen das Kind noch nicht ganz erstickt ist, so dass es
hier, wo es aufatmen kann, wieder erwacht und sich zu leben traut, wie es ihm
eigentümlich ist. Solchen wird das Schloss zum Jungbrunnen, in dem alles
ursprünglich zu keimen beginnt und sich von selbst entfaltet.
Willkommen sind uns alle, die unter dem Menschenlos leiden und sich bei nicht
Verkehrtem und Schädlichem, Widernatürlichem und Schändlichem beruhigen können,
sondern nach Wiederherstellung und Heilung des Entarteten und Lebensfeindlichen
verlangen. Alle Menschen des Suchens und der Sehnsucht nach Heil und Leben
werden hier Widerhall und Verständnis in diesem Lebensdrang finden. Ihnen wird
sich hier die neue Art Leben erschließen, die zur Erlösung und
Wiederherstellung, zum "Werde-was-du-bist" und zur Wesentlichkeit,
Ursprünglichkeit und Wahrheit in allen Lebensäußerungen führt, aus der
Empfängnis der lebendigen Eindrücke aller schicksalhaften Erfahrungen und
Lebensansprüche. Das ist das Geheimnis des Lebens und des Glücks, das uns
möglich ist, denn es ist geniales, schöpferisches, erfüllendes und
vollbringendes Leben. Es ist Leben aus Gott und seiner höheren Führung.
Alle, die einen Sinn und Geschmack für das ursprünglich Menschliche und das
Geheimnis des Lebens haben, das in allem west und überall dahinter waltet,
werden merken, dass in Wirklichkeit alles ganz anders ist und sich verhält, als
wir es uns denken und es behandeln, und werden sich trauen, darauf einzugehen,
so wie es ist, um damit vertraut zu werden. Die sind disponiert für die
Höhenlage von Schloss Elmau und werden diese Tatsache immer wieder an dem tiefen
Aufatmen ihrer Seele, der Klärung ihrer Augen und dem Jauchzen ihres Herzens
merken.
Alle anderen sind Schmarotzer am Baum des Lebens, der hier oben seine Äste nach
allen Seiten ausbreitet. Aber die, welche auch nur ahnen, dass hier etwas
Besonderes, Einzigartiges zu haben ist, und sich infolgedessen, unbekümmert von
allem Anstößigen, Befremdenden, Ärgerlichen, das sie hier treffen, dem
Eigentlichen, Wesentlichen, Neuen aufschließen, das sie im Innersten berührt und
anzieht, werden empfänglich für die Kunde von der neuen Art Leben werden und den
Zugang dazu finden, wenn es für sie etwas wesentlich Entscheidendes, ja die
Lebensfrage wird. Dann heißt es: ergreifen, wie man ergriffen wird, und jeder
empfängt in dem Maße, als er sich hingibt.
Diese Art Menschen, für die das Schloss eigentlich ausschließlich da ist, lassen
sich aus der Masse derer, die anfragen, nicht hellseherisch auslesen. Auch der
Prospekt ist kein Reagenzgläschen, um so weniger, als viele die Bedingungen für
die Aufnahme darin überschlagen und nur die Seite der Zimmer und Preise
studieren. Wenn sie aber einmal bestellt haben und angekommen sind, können wir
auch nicht mehr sichten, weil es keinen Prüfstein dafür gibt. Deshalb nehme ich
alle auf in der Hoffnung, dass sich ein Scheideprozess von selbst vollzieht und
diejenigen nicht wiederkommen, die nicht hierher passen.
Ganz unerwünscht sind mir alle Reaktionäre auf politischem, sozialem,
kulturellem und weltanschaulichem Gebiet. Es gibt kein Zurück in der Natur und
Geschichte, ebenso wenig wie im eigenen Werden und Leben. Man muss weiterkommen,
d. h. nicht bloß vorwärts, sondern aufwärts, über sich hinauswachsen, höher
hinauf gelangen, anders werden und leben als bisher, um geheilt, erneut und
verwandelt zu werden. Man muss sich in seiner Weltanschauung häuten, im
Bewusstsein klären, im Empfinden herzhafter werden, darf auf keinem Standpunkt
stranden oder Säulenheiliger werden. ...
Endlich: Am meisten zuwider sind mir alle negativ eingestellten und gearteten
Menschen, die sich selbst und ihre Umgebung vergiften und das Leben vergällen,
die Pessimisten und Schwarzseher, Infektionsträger von schlimmen Gerüchten und
Skandalen, die hämischen Geiferer, deren Wolllust es ist, an allem zu mäkeln,
über alles zu nörgeln, andern den Geschmack und die Freude zu verderben, alles
zu kritisieren und blasiert zu verspotten. Die darf man in keinem Erholungsheim
dulden, da heißt es einfach: Hinaus!
Am liebsten sind mir natürlich Gäste, die in lebendiger Fühlung mit dem
Innersten der Elmau und meiner besonderen Sendung stehen und bleiben. Das sind
keineswegs die regelmäßigen, jährlich wiederkehrenden Gäste, die glauben, damit
Heimatrecht erworben zu haben, aber oft nicht einmal durch die Grünen Blätter an
dem, was uns hier bewegt und aufgeht, teilnehmen. Sie erliegen leicht dem
Behagen an Haus und Landschaft, am Leben im Schloss und am See, an Tanz und
Musik und an der geistigen Anregung. Und je mehr ihnen alles lieb und gewohnt
ist, bilden sie sich leicht auf ihre "langjährige Vertrautheit mit dem Schloss
und der Sache" etwas ein, werden gönnerhaft, feinschmeckerisch, anspruchsvoll,
wählerisch und empfindlich.
Wer sich hier zu Hause fühlt, ist noch lange nicht hier daheim, und wer über
alles hier Bescheid weiß, kennt noch lange nicht das Geheimnis der Elmau,
geschweige dass er damit vertraut ist. So mancher orakelt über meine „Lehren“
und urteilt ohne Erfahrung über Vorstellungen, die er sich davon gemacht hat,
oder verfilzt sich heillos in Missverständnissen und merkt plötzlich, dass er
sich selbst nicht damit zurecht findet. Wer sich zwischen seinen Aufenthalten
nicht mit der neuen Art Leben gründlich befasst und Versuche macht, durch seine
Haltung empfänglich dafür zu werden, kann darüber nur reden wie Blinde von der
Farbe. Man fängt einige Sätze aus den zwei oder drei Vorträgen auf, die man
hörte, macht sich allerlei Torheiten daraus und bildet sich ein, ich meinte
diesen Kohl, z. B. eine neue Lebenstechnik statt ursprünglicher Lebensfunktion,
Lebensweisheit statt Erfahrungen der Tatsachen und Gesetze des Lebens, oder hält
mich für einen Mystiker, weil ich von Unmittelbarkeit spreche, oder gar für
einen Psychoanalytiker, weil das Schöpferische aus dem Unbewussten entspringe.
Es heißt sogar, ich veranlasste die Menschen, sich gehen zu lassen, weil ich der
höheren Führung folge, ja man verwechselt Hingabe an die Lebensansprüche mit
Widerstandslosigkeit gegenüber den Reizen. Ich kenne doch all diesen Unsinn aus
den Fragen, die mir gestellt werden. Diesen Elmauer Biedermeiern, konfusen
Gebildeten und geltungshungrigen Denkern möchte ich zurufen: "Zum Donnerwetter,
ich meine neue Menschen und schöpferisches Leben! Davon habt ihr keine Ahnung
und werdet nie etwas davon erfahren, solange ihr euch nur Gedanken darüber
macht."
Es ist unmöglich, dass einer zu dem gelangt, was ich meine, wenn er nur einige
Vorträge hört, einige Grüne Blätter "einsieht", in irgendwelchen Büchern
blättert und in Vortragsnachschriften herumstochert. Glauben Sie denn, ich hätte
so viele Schriften zum Vergnügen oder Broterwerb geschrieben? Nur notgedrungen
habe ich es getan, um allgemein aufzuklären über die Verkehrtheit der Menschen
in ihrer Lebenshaltung und Lebensführung, derzufolge sie missraten, entartet,
lebensunfähig, süchtig und leidend geworden sind und im Leben versagen müssen.
Ich habe jahrzehntelang konkret und praktisch die Augen über die Verhängnisse
und sich selbst in deren Gewalt öffnen wollen und aufklären, was das Leben
eigentlich ist, das Heil zeigen, das es in sich birgt, und die
wiederherstellende, verwandelnde, erlösende und bildende Wirkung des Lebens aus
Empfängnis, sobald alle unsre Äußerungen von selbst Geschen des Willens Gottes
werden. Dazu suchen die Grünen Blätter und Bücher den Weg zu zeigen, der zu dem
Unbewusst-aus-Gott-Leben führt und uns zu Organen seines Waltens bereitet, der
aber begangen werden muss, um das Wunder und Geheimnis des Lebens zu erfahren!
Darüber möchte ich Sie, meine werten Stammgäste, einmal befragen und hören, wie
seit Sie gekommen sind, oder ob Sie ihn nur von weitem besichtigen oder gar nur
ihn sich dachten. Kein Wunder, wenn Sie dann keine Lust hatten, ihn zu gehen.
Nein, mit dem bloßen Hinhören, sich Gedanken darüber machen, beurteilen und dann
nach Geschmack und bisheriger Meinung annehmen, was einem zusagt, ist es nicht
getan. Diese Überlegenheit über etwas ganz Neues, was man gar nicht kennt, mit
der leichtfertigen Annahme, es handle sich bloß um eine Theorie, "in deren Licht
man eine kleine Weile fröhlich sein" kann, macht durch die Befestigung der Dauer
und der Gewohnheit die langjährigen Gäste der Elmau ebenso unempfänglich für das
Geheimnis der neuen Art Leben wie das entsprechende Lesen der Grünen Blätter
durch Jahrzehnte, das zu keiner Erfahrung und selbsttätigen Entfaltung
ursprünglichen Wesens und genialen Lebens führte. Dazu gehört konkrete Einsicht
in die verkehrte Verfassung, Haltung und Lebensweise gegenüber der echten,
ursprünglichen, klarer Blick für den Gegensatz von Bewusstseinskultur und
Wesensbildung, zwischen anerzogenem Benehmen und naiver Art, zwischen
Geistigkeit und Wesen, zwischen Krampf und innerem Drang, zwischen gesetzmäßigem
und unbewusstem Verhalten, zwischen gezüchteter und gewachsener Tugend, zwischen
Leistungen und organischen Früchten der neuen Art Leben.
Was habt Ihr, die Ihr Euch als alte Elmauer aufspielt, von alledem erfahren und
erlebt, was seid Ihr geworden und wie seid Ihr verwandelt, dass Ihr meint, Ihr
hättet diesen Unterschied nicht mehr nötig? Ihr habt wohl gehört, das sich diese
Erkenntnisse aus den Reden Jesu gewonnen habe, aber haltet es für überflüssig,
Euch darin zu vertiefen, nachdem ich sie verdeutscht und vergegenwärtigt habe!
Es ist doch unfasslich, dass der letzte, erst 1934 erschienene Band derselben:
"Von der Verwirklichung des Reiches Gottes", der noch für alle Heutigen der
aktuellste sein müsste, noch nicht einmal 2.000 Leser gefunden hat. Vor einigen
Jahren legte ich ihn vor Weihnachten meinen Lesern ganz besonders ans Herz. Aber
kein einziges Exemplar wurde von uns und auch vom Verleger in München bis zum
Jahresschluss bezogen. Das ist nur daraus erklärlich, dass man im Besitz einer
unklaren Vorstellung von dem, was ich will, meinte, man brauche sich nicht
weiter darum zu kümmern.
Ja, wenn man dafür nur mit aller Kraft der Seele danach trachtete, den Weg ins
Kinderland zurückzufinden, wenn man sich konsequent mit entschiedener
Selbstzucht positiv zu allem stellte und freudig, willig, gläubig und alles,
womit das Leben einen bedrängt und beansprucht, einginge! Wenn man sachliche
Haltung wahrte und sich aller Vorurteile und Prinzipien erwehrte, um selbstlos
und vorbehaltlos mit ganzer Seele bei der Sache zu sein und unmittelbar aus
ursprünglichen Impulsen zu leben: Dann würde man durch Erfahrung von Gott selbst
gelehrt, erzogen, geführt, gebraucht, dann wäre man in Form und Fahrt des
Reiches Gottes. Dann brauchte man nichts mehr darüber zu hören und zu lesen.
Dann würde man mit mir durch meine Bücher und Reden nur verkehren wie mit einem
im Tiefsten und Letzten vertrauten Menschen, um die Gemeinschaft darin zu
genießen und dadurch gestärkt und gefördert zu werden. Aber wo sind diese
Gefährten auf dem Wege zur Menschwerdung durch die Verwirklichung der
elementaren Herrschaft Gottes in der persönlichen Haltung und Lebensführung? Es
kommt nicht auf gleiche Auffassungen an, sondern auf gleichen Schritt und Tritt!
Das ist mein Leiden, das ich nun schon an vierzig Jahre schweigend trage, dass
es so wenige gibt, die wirklich den Zugang zum Reiche Gottes gefunden haben, die
Organe des schöpferischen Geschehens seines Willens und eingeborene Kinder der
Art und Bestimmung ihres himmlischen Vaters wurden. So wenig Menschen, die von
sich selbst erlöst wurden und zu sich selbst heimkehrten, zur Ursprünglichkeit,
Naivität, Einfalt und Herzigkeit ihres Wesens und unbewusst von Güte, Anmut,
Hingabe und Liebe Gottes strahlen! Wie wenige sind es, die besinnungslos und
unverwandt der höheren Führung folgen, die sorglos und treu aus Empfängnis leben
und Frucht bringen in Geduld, die von dem Fluch der Sünde, d. h. von der
Verkehrtheit der Haltung und des Lebens, aus der dauernd Sünde fließen muss,
wiederhergestellt worden sind zur Gottesordnung der menschlichen Kreatur und
durch geniales Leben beweisen, dass sie wahrhaftig aus Gott leben und hier
menschliches Tun schöpferisches Geschehen ist! Wo sind die freien Kinder Gottes,
die nicht nur frei sind von Angst, Wahn, Krampf und Sucht, sondern auf frei von
Kirche und Lehre, Kultur und sittlich-religiöser Knechtschaft, frei vom
Zeitgeist, von Geld und Herrschgier, von Geltungstrieb und allen Besessenheiten
und Einflüssen, die das Leben lähmen und ersticken! Wo kommt das Reich Gottes
hervor und gewinnt in Menschen Gestalt, offenbart in ihrem Leben das Heil und
erfüllt alles, was an menschlichem Sehnen, Trachten, Ringen in die Irre geht,
unfruchtbar bleibt, verderblich wirkt und des Todes ist!
Wie eine Stimme in der Wüste komme ich mir vor. Wozu das herrliche Schloss im
Paradies der Elmau! Wozu all die vergebliche Liebesmühe in Reisen und Reden, in
den "Annalen der Menschwerdung" seit 40 Jahren! Nur aus Gehorsam habe ich
durchgehalten. Was lag mir am "Erfolg", der mir überreicht zuteil wurde? Nichts.
Ausschließlich an der Erfüllung der Botschaft Jesu, an der neuen Art Leben und
der dadurch und darin anbrechenden Wiedergeburt der Menschheit durch das
schöpferische Walten und Wirken Gottes. Alles andere, was von meinem Wirken
ausging, war mir Nebenprodukt, Abfall, Werte, die gewiss dem Leben dienten und
die Menschen erquickten, stärkten, aufrichteten, lösten und beschwingten, aber
nicht das Menschenlos wendeten, nicht die Verkehrtheit beseitigten, das Wesen
regenerierten und alles neu machten.
Es gibt wohl neue Menschen unter den Tausenden meiner Hörer, Leser und Gäste.
Ich kenne welche und glaube, dass es viel mehr gibt, als ich kenne. Aber ich bin
viel zu nüchtern und zu ausschließlich auf die neue Art Leben gerichtet, als
dass ich mir das etwas vormachen könnte. Man komme mir nicht mit der
"unsichtbaren" Gemeinde oder mit dem Einwurf, dass das Reich Gottes nicht von
dieser Welt ist! Es ist das ebenso sehr wie die ganze Schöpfung Geheimnis ist,
aber auch ebenso leibhaftig, d. h. unsichtbar im Wesen, aber sichtbar, fühlbar,
greifbar, erkennbar in der Erscheinung, im Leben, Wachsen, Blühen und Gedeihen
wie alle organischen Gebilde und Wesen. "An ihren Früchten werdet ihr sie
erkennen." Die neue Art Leben ist so wesentlich anders als alles Machen,
Treiben, Unternehmen und Leisten der Menschen, alles Echte, Ursprüngliche, von
selbst Gewordene und Entspringende ist so grundverschieden von allem Gesuchten,
Gewollten, Beabsichtigten, Überlegten und Willkürlichen, dass jeder, der
Geschmack dafür hat, spürt, wittert, merkt, was Gott gezeugt und was der Mensch
erzeugt hat. Und auf Grund dessen muss ich bekennen, dass die neue Art Leben
bisher nur in wenigen unbewusstes Sein und schöpferisches Geschehen geworden
ist.
Unter dieser Entbehrung darin nach Ursprung und Wesen verwandter Menschen habe
ich dauern gelitten. Aber heute tue ich zum ersten Mal den Mund auf, um es
auszusprechen. Nicht um zu klagen, sondern weil es von selbst dazu kam.
Vielleicht ist es gut, dass die es erfahren, die mich kennen lernten und die mit
mir gelebt haben. Alle meine Hörer und Leser sollen das wissen, damit sie
endlich begreifen, dass all mein Wirken und meine Erfolge, die einzigartige
Schöpfung der Elmau, die einzigartige literarische Erscheinung der Grünen
Blätter, der Zustrom der Menschen, mein segensreicher Dienst der Hilfe mit Rat
und Tat an Notleidenden, Verunglückten, vom Schicksal heimgesuchten Menschen
mich nicht befriedigt hat und nie befriedigen kann, so glücklich ich bin, dass
ich als praktischer Ratgeber in allen Lebenslagen Unzähligen habe helfen können.
Aber ich habe auch nie Befriedigung gesucht, ebenso wenig wie Glück und Behaben.
Dafür habe ich die Seligkeit im Reiche Gottes gefunden, aus der die Heiterkeit
meiner Seele stammt. Das hindert nicht, dass mich immer nach Gemeinschaft im
Geheimnis des Lebens mit andern verlangt. Deshalb sind mir solche, die einen Zug
nach einer ganz anderen Art Leben haben und das Neuland Gottes mit der Seele
suchen, ja es vielleicht schon von ferne leuchten sehen, ganz besonders
willkommen, weil ich hoffe, mich mit ihnen darin zu finden.
Es ist menschlich, dass ich darunter leide, so einsam zu sein. Aber es geht mich
im Grunde nichts an, weil es Gottes Sache ist, die er führt und verfügt. Die
meine ist unbedingte, rückhaltlose Hingabe an alles, wozu ich brauchbar bin, und
mir an seiner Gnade dabei genügen zu lassen. Ich bedarf also keines Trostes. ...
Ich brauche keinen Trost. Denn mein Leiden unter der Tatsache, dass geniale
Lebensführung und Wesensbildung noch so selten unter denen ist, welche die Kunde
davon erreicht, wird überströmt von der Lebensfülle, die mir von allen zuströmt
und in mir ausgelöst wird, die meine Nothilfe nötig haben. Darum sind mir auch
alle die in Elmau herzlich willkimmen, die unter dem Leben leiden und nicht mit
sich selbst zurecht kommen, die Mühseligen und Belasteten, die von Verlusten und
Unglücksfällen Heimgesuchten, die Verirrten, Ratlosen und Verzweifelten.
Es ist mir gleich, wes Geistes Kinder sie sind, was sie vertreten, erstreben und
woran sie ihr Herz gehängt haben oder worauf sie ihre Zuversicht gründen, ob sie
für das Eigentliche der Elmau empfänglich oder verschlossen sind. Sie sind ja
meist so mit sich selbst beschäftigt, von ihrer Not befangen und verhärmt, dass
sie für nichts andres Sinn haben und Anteil nehmen können. Ich gehe auf jeden
ein und nehme ihn so, wie er ist, und gehe ihm so weit entgegen, bis ich in
seiner Lage und auf seinem Standpunkt angelangt bin. Da nehme ich dann seine
Last auf mich, was ihn sofort entlastet. Dann richte ich ihn auf, berate ihn,
wie es mir gerade einfällt, und zeige ihm den Weg. Da wird nicht geurteilt,
vorgehalten und Moral gepredigt, sondern auf- und weitergeholfen.
Diese Sprechstunden sind meine schönsten Stunden, in denen ich immer mehr
empfange, als ich geben kann. Jedenfalls erfrischen sie mich mehr als
Unterhaltungen. Sie sind mit brieflichen Konsultationen gar nicht zu
vergleichen. Sie sind Gemeinschaftserlebnisse fruchtbarster Art, wo man z. B.
wirklich erlebt, wie die Liebe spontan und unbewusst im Herzen entspringt und
überfließt, wie ganz direkt oft ohne Worte einer den anderen löst, belebt und im
Innersten befreit.
Dann überlässt man den andern der höheren Führung und Betreuung. Anders
ausgedrückt: Man traut sich, ihn selbständig gehen zu lassen, aus Glauben. Und
es ist merkwürdig und mir oft geradezu verwunderlich, wie sie fast alle auch
dann von selbst weiterkommen, unabhängig von mir. Dann höre ich manchmal,
allerdings oft erst nach Jahren, wie seinerzeit die einmalige Begegnung geholfen
und direkt Epoche gemacht hat. Das ist mir immer wieder eine Bestätigung, wie
gut man fährt, wenn man einfach tut, was vorliegt, und Gott walten lässt, statt
selbst weiter zu behandeln.
Nun wissen meine Leser Bescheid, was ich mir für Gäste wünsche. Es ist gut, dass
ich mich einmal darüber rückhaltlos aussprechen konnte. Es war mir immer
peinlich, wenn ich nach so vielen Dankesäußerungen und Worten des Glücks, in
Elmau Erholung, einen Neuaufschwung und neue Heimat gefunden zu haben oder gar
ein andrer Mensch geworden zu sein, oft hörte, wie glücklich ich über diese
meine "Schöpfung" und ihr Heil für unzählige Menschen sein müsste. Das Echo in
meinem Herzen enthielt dann auch immer den Seufzer: Wenn ihr wüsstet! Aber das
war unaussprechlich. Jetzt wissen es meine Leser.
Die Leser der Grünen Blätter aber bitte ich, in Zukunft nicht mehr wahllos
Schloss Elmau zu empfehlen. Es ist kein Hotel für Sommerfrische und Wintersport,
sondern eine Kulturstätte, die den Menschen lebensfähig und lebensmächtig werden
lassen will. Wer dafür weder Verständnis noch Verlangen hat, soll Schloss Elmau
nicht belasten und belästigen.
Ich stehe jetzt im 78. Lebensjahr. Die Zeit ist jedenfalls kurz, die mir noch
zur Verfügung steht, Menschen zum Heil ihres Lebens zu verhelfen. Darum möchte
ich meine Wirkensstätte und meine Hingabe auf die beschränken, die meine Hilfe
brauchen und für die Einführung in das Leben aus Gott empfänglich sind oder
werden wollen.
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